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Gefährlicher Kampf ums Überleben
24.10.2008 Neues Deutschland Seit über einem Monat streiken 8500 kolumbianische Zuckerrohrarbeiter Von Bärbel Schönafinger
Seit Jahren arbeiten sie unter sklavenartigen Bedingungen, jetzt haben 8500 Zuckerrohrarbeiter in der Region Cauca/Valle del Cauca acht der 13 Zuckerrohrplantagen besetzt.

Die streikenden Zuckerrohrarbeiter fordern vergleichsweise wenig Revolutionäres: Sie wollen direkte Arbeitsverträge und einen Lohn, der zum Überleben reicht. Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe Vélez und sein Minister für soziale Sicherheit behaupten hingegen, der seit mehr als einem Monat andauernde Streik sei von »dunklen Mächten« infiltriert. So wird der Arbeitskampf indirekt mit der Guerilla in Verbindung gebracht - die Stigmatisierung wiederum dient als Vorwand, um die Armee in die Plantagen zu schicken. Dadurch wird die Situation unberechenbar: Obwohl der Streik friedlich verlief, hat die Armee bisher etwa 30 Arbeiter und zwei Kinder verletzt.

Unerwünscht ist zudem, dass Nachrichten vom Streik ins Ausland dringen. Nachdem am 2. Oktober bereits eine deutsche Beobachterin festgenommen und abgeschoben wurde, hat die Armee am 13. Oktober drei französische Journalisten festgenommen, die die Situation der Streikenden dokumentieren wollten.

Die Zuckerrohrarbeiter sind unter extremen Bedingungen tätig: Zwölf und mehr Stunden täglich schneiden sie das Zuckerrohr. Sie arbeiten auch sonn- und feiertags und nehmen nur alle zwei Wochen einen Tag frei. Ihr Bruttoverdienst beläuft sich auf umgerechnet etwa 150 Euro pro Monat. Da sie keine direkten Arbeitsverträge haben, sondern in sogenannten Arbeitskooperativen organisiert sind, müssen sie für ihre Sozialversicherungsbeiträge und verschiedene andere Kosten selber aufkommen. Als reales Einkommen bleiben den Arbeitern im Durchschnitt lediglich rund 72 Euro im Monat: weniger als die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohnes und zu wenig, um eine Familie zu ernähren. Die Familien der Corteros wohnen in Slums, ihre Kinder haben keine Chance auf eine gute Ausbildung oder auch nur auf gute Gesundheitsversorgung: Sie sind unterernährt und gesellschaftlich ausgeschlossen.

Dass es überhaupt zum gemeinsamen Streik kam, stellt einen großen Erfolg für die Arbeiter dar, der ungewöhnlich ist für ein Land, in dem Gewerkschafter und soziale Bewegungen systematisch kriminalisiert und liquidiert werden. Mit Unterstützung der Gewerkschaften Sinaltrainal und Sinalcorteros haben es die Zuckerrohrarbeiter geschafft, sich über die Grenzen der Plantagen hinweg zu organisieren und am 14. Juli 2008 einen gemeinsamen Forderungskatalog vorzulegen. Der Verband der Zuckerindustrie ASOCAÑA weigert sich jedoch bis heute, die Verhandlungen aufzunehmen. Der tieferliegende Grund dafür könnte sein, dass man befürchtet, ein Erfolg der kämpferischen Zuckerrohrarbeiter könnte im ganzen Land Nachahmer finden und noch mehr Streiks gegen die juristische Figur der Arbeitskooperativen hervorrufen. Die Arbeitskooperativen sind ein wichtiger Baustein der Liberalisierung des Arbeitsmarktes, die seit der Gesetzgebung von 1990 zu einer immer weiter fortschreitenden Präkarisierung der Arbeitsverhältnisse geführt hat.




Das Berliner Medienkollektiv kanalB sammelt Spenden für die Streikenden und ihre Familien, denen es an Lebensmitteln und medizinischer Versorgung mangelt.


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