In der südbrasilianischen Stadt Curitiba hat die größte UN-Umweltkonferenz seit der Rio+10 in Johannesburg vor knapp vier Jahren begonnen. Gut 5.000 Delegierte aus über 150 Staaten, Vertreter von Industrie- und Umweltverbänden sowie internationale Beobachter werden drei Wochen lang über Gentechnik und Biodiversität beraten. Zahlreicher noch ist die Protestbewegung gegen eine ökonomische Nutzung dieser Ressourcen präsent: Allein ein Aktionscamp des weltweiten Bauerndachverbands Via Campesina erwartet 6.000 Teilnehmer, weitere Aktivisten organisieren ein Parallelforum und jede Menge Aktionen im ganzen Stadtgebiet Curitibas.
Die zweigeteilte Konferenz begann am Montag (13.3.) mit der sogenannten MOP3, der dritten Konferenz zum Cartagena-Protokoll, das Standards für Biologische Sicherheit im Handel definiert. Es ist das einzige Vertragswerk, dass verbindliche Regeln für den grenzüberschreitenden Verkehr von gentechnisch veränderten Organismen aufstellt.
Während der Eröffnungsveranstaltung überraschten die klaren Worte des Gouverneurs des gastgebenden Bundesstaates Paraná, Roberto Requi?o, der für seine kritische Haltung zur Nutzung von Gentechnologie in der Landwirtschaft bekannt ist. Unvermittelt sprach er den zentralen Streitpunkt des Cartanega-Protokolls zur Biologischen Sicherheit an: Die Frage, ob mittels genetisch veränderten Organismen (GVO) hergestellte Produkte genau ausgezeichnet werden müssen, oder lediglich als ?kann GMO enthalten? in den internationalen Handel gehen.
Requi?o plädierte vehement für das auch von der Umweltbewegung eingeforderte ?enthält GVO? und verurteilte den Druck seitens transnationaler Konzerne, namentlich Monsanto, die für das vage ?kann enthalten?plädieren. ?Dies wäre so als würde auf einer Fleischverpackung in Supermarkt stehen: ?kann verdorbenes Fleisch enthalten??, so der anschauliche Vergleich des Gouverneurs. Requi?o schloss mit der seitens der NGOs stark applaudierten Aufforderung, ?zum Schutz der Biosicherheit, der Menschen und der Natur ist Widerstand notwendig?.
Eine Position, die in dieser Tragweite nicht einmal vom brasilianischen Umweltministerium, das ebenfalls eine gentech-kritische Haltung innehat, geteilt wird. Dass Umweltministerin Marina da Silva zur Eröffnung nicht anwesend war, wird als ein weiteres Zeichen dafür gewertet, dass innerhalb der brasilianischen Regierung ein heftiger Streit darüber tobt, welche Position das Land als Gastgeber der Konferenz einnehmen soll. Angeblich weilt Marina da Silva noch in Brasilia, um mit Präsident Lula da Silva zu sprechen. Ihre Gegenspieler sitzen im Agrar-, Ausseshandels- und im Forschungsministerium, die sich eindeutig auf Seiten der Agrarexporteure stellen.
Protestbewegung macht mit Gegenkongress und Aktionscamps mobil
Ab dem 20. März wird es im Rahmen der COP8 um die UN-Konvention zur Biodiversität gehen, die seit 1992 versucht, einen weltweit nachhaltigen Umgang mit dieser Ressource zu ermöglichen. Ähnlich wie bei der MOP3 wird erwartet, dass die Verhandlungen langwierig werden und insbesondere die Vertreter vom Agrobusiness und von exportorientierten Staaten dafür sorgen werden, dass weder ernsthafte Handelseinschränkungen noch Forschungsverbote oder eine allzu gerechte Aufteilung der erwarteten Gewinne festgeschrieben werden. Dagegen macht eine immer breitere Bewegung mobil, die in Curitiba nicht zu übersehen sein wird.
Zentraler Mobilisierungspunkt wird das ?Globale Forum der Zivilgesellschaft? sein, das den gesamten Zeitraum über ebenfalls auf dem Gelände der offiziellen Konferenz stattfinden wird. Unter dem Logo ?Willkommen in der wirklichen Welt? laden der Dachverband von Umweltgruppen FBOMS, die Kampagne für ein Gentechnikfreies Brasilen und andere Aktionsgruppen zu Veranstaltungen und Workshops ein. Die Themen sind vielfältig: Für und wider gentechnikfreier Zonen, Ernährungssouveränität, Widerstand indigener Völker, Verbraucherschutz.
Rund 20 Km entfernt vom Konferenzzentrum, in Quatro Barras, hat Via Campesina und die Landlosenbewegung Brasiliens, MST, ihr Protestcamp eingerichtet. Auch hier wird es um Landwirtschaft und Gentechnologie gehen, geplant sind Seminare und Protestaktionen gegen eine weitere Liberalisierung des weltweiten Handels. ?Wir wollen deutlich machen, dass die (in Curitiba) diskutierten Themen nicht den Interessen der Menschen dienen, sondern nur den multinationalen Unternehmen,? so MST-Sprecher Diorlei dos Santos zur Presseagentur Carta Maior.
Jenseits dieser beiden zentralen Veranstaltungsorte wird mit einer Vielzahl von Aktionen gerechnet, sowohl im Stadtgebiet als auch vor den Toren der Konferenz. Dies war in der Vorwoche schon in der Nachbarstadt Porto Alegre der Fall, wo unter dem Dach der Uno eine Konferenz zur Frage der Agrarreform stattfand. Bauernaktivisten führten mehrere spektakuläre Besetzungsaktionen durch und zerstörten unter anderem ein Forschungslabor für Eukalyptus, dem Baum, der für eine zerstörerische Monokultur in der Region verantwortlich gemacht wird.
Andreas Behn
Cutitiba, 13.03.2006