25.07.2001, berlin

zusammenfassender bericht über die ereignisse vom 20.07. bis zum 22.07.2001 von unserer kanalB-korrespondentin, die augenzeugin der vorfälle in der cesare battisti strasse in der nacht vom 21. auf den 22.07.01 war.

das Genova Social Forum,(GSF http://www.genoa-g8.org/) ist der dachverband der den widerstand gegen das G-8 treffen in genua organisiert hat. unter ihm sammelten sich ueber 800 protestorganisationen, von katholischen initiativen, gewerkschaften, NGOs bis zu umweltaktivstInnen und anderen.
diese organisation hat von der stadt genua 2 schulen in der cesare battisti strasse zur verfügung gestellt bekommen. in der einen war die infrastruktur des GSF untergebracht, also der pressekonferenzraum, sanitäter, die legal observers, und das unabhaengige medien zentrum im 3.stock. in der anderen, jener, in der später das massaker stattfand gab es internetzugang für aktivistinnen, gewaltfreie selbstverteidigungsworhshops und schlafmöglichkeiten.

am 20. 07 gab es die erste gewaltsame demonstration. in dieser demonstration sind agent provokateures der polizei im schwarzen block aufgetaucht, haben schaufenster eingeschlagen und müllkontainer auf die strasse gezerrt. auf dieser demonstration hat die polizei den schwarzen block stundenlang gewähren lassen und sich darauf beschränkt mit grosser brutalitaet die friedlichen demonstrantInnen anzugreifen.

diese tatsachen wurden bei der pressekonferenz des genova social forum an die öffentlichkeit gebracht. diese pressekonferenz fand am 21. 07. um 13 uhr im GSF gebäude in der cesare battisti strasse statt. dort gab es augenzeugenberichte von der gewalt gegen friedliche demonstrantInnen und von einem parlamentarier, der im hauptquartier der carabibnieri am hafen "tute nere" (schwarzgekleidete randalierer) dort ein- und ausgehen sah und von den "sicherheitskräften" verbal bedroht wurde.

es gibt ein augenzeugenbericht eines italienischen pfarrers der als black block verkleidete polizisten von einem polizeiwagen springen sah. dieser bericht wurde in der italienischen tageszeitung la repubblica (http://repubblica.it) veröffentlicht, photos auf indymedia deutschland (http://germany.indymedia.org).

danach ging das GSF zur großen 200.000 menschen umfassenden demo. diese demonstration wurde wiederum nach obigem schema von der polizei angegriffen. grüppchen von schwarzgekleideten mischten sich in unter die friedliche demonstration, die polizei ließ sie gewaehren und nahm das wiederum als vorwand die friedlich demonstrierenden anzugreifen.

auf grund dieser ereignisse suchten friedliche aktivistInnen aus angst vor weiteren polizeiuebergriffen in der schule gegenüber des GSF schutz und schlafplaetze, weil sie dachten in unmittelbarer naehe des GSF wären sie sicherer als auf ihren campingplätzen oder wo sie sonst untergebracht waren. weit gefehlt: um 23:30 kamen die carabiniere und eine spezialeinheit der italienischen sogenannten "sicherheitskräfte" in die strasse. ohne vorwarnung und mit kriegsgeschrei stürmte die spezialeinheit die schule. ein journalist aus grossbritannien, der auf der strase war um eine zigarette zu rauchen wurde als erster zusammengeschlagen und blieb in einer blutlache liegen.

die aktivistInnen in der schule leisteten keinen widerstand, die meisten lagen schon in ihren schlafsäcken.

ich war im 3. stock des gegenüberliegenden GSF gebäudes, wo indymedia untergebracht war. wir sahen den einsatz vom fenster aus. nach einer halben stunde stürmte die leute der spezialeinheit auch das GSF gebäude, in dem wir waren. das büro der legal observers im 2. stock wurde mitsamt computer und festplatten zerstört.

als sie zu uns (unabhängiges medienzentrum im 3. stock) kamen legten wir uns in panik auf den boden. der einsatzleiter drohte uns ("ci avete rotto il cazzo" sagte er - "wir sind sehr böse auf euch"). es wurde kontrolliert ob wir alle unsere arbeitsräume verlassen hätten, wir mußten uns sitzend, der wand entlang aufreihen. wir wurden aufgefordert, unsere handys auszuschalten. ein journalist, der so naiv war zu sagen er wäre journalist und hätte das recht die ereignisse zu beobachten, wurde abgeführt. ein kamerateam der RAI (tg3) kam, filmte und wurde nach 5 min wieder weggeschickt. die polizei durchsuchte die räumlichkeiten. ich hatte fürchterliche angst. die atmosphäre war so beschaffen dass es mich nicht ueberrascht hätte wenn sie jemanden von uns oder uns alle erschossen hätten. ich nahm genau dieselbe stimmung wahr die in "die 120 tage von sodom" herrscht (ein film von Pier Paolo Pasolini über den italienischen faschismus).

nach ca 45 minuten, als das gemetzel in der gegenüberliegenden schule beendet war, verließ die polizei unser stockwerk. mindestens 2 bänder auf denen der beginn der stürmung festgehalten ist, wurden mitgenommen, eines davon wurde aus meiner kamera gestohlen, die ich hinter der tür zum flur versteckt hatte.

als die polizei unser stockwerk verlassen hatten, stürzten wir zu den fenstern und beobachteten wie drüben aus der schule leute auf tragen rausgebracht wurden (http://kanalB.de/spezial-genua2001). unter den verhafteten war die journalistin kirsten wagenscheid von der zeitung "junge welt".
von den ca 100 in der schule anwesenden personen kam fast niemand unverletzt heraus, darunter ca 10-20 schwerverletzte. unter den verletzen befand sich kein einziger polizist.
ein mensch im anzug kam, schaute in die eingangshalle der schule und applaudierte den "sicherheitskräften". während der ganzen aktion blockierten einheiten der carabinieri den eingang der schule, weder medienvertretern, noch abgeordenten des europaparlaments, noch anwaeltInnen wurde der zutritt gestattet.

als die polizei endlich weg war, sind die mutigen unter uns rüber in die schule gegangen. sie berichteten von riesigen blutlachen am boden, blutspuren an den wänden und heizkörpern, meterlange blutige schleifspuren im treppenhaus. (http://www.kanalB.de/spezial-genua2001). die photos sind auf http://www.germany.indymedia.org veröffentlicht. dort sind auch sehr viele weitere augenzeugenberichte zu den vorfaellen nachzulesen. vertreterInnen der unabhaengigen medien verliessen am darauffolgenden morgen panikartig genua, aus angst vor weiteren polizeilichen repressionen.

bis zur stunde nimmt die polizei in genua und andern staedten leute fest. berichte von folterungen der gefangenen erreichen uns und der zugang zu den krankenhäusern in die sie danach zum teil gebracht werden, ist für niemanden gestattet.
aktuelle informationen dazu sind beim Ermittlungs Ausschuss Berlin und anderen EAs zu erfahren (siehe dazu auch http://germany.indymedia.org/).

die freie presse ist einer der grundpfeiler jeder demokratie. wenn die freie presse in ihrer arbeit gehindert und eingeschüchtert wird, journalistInnen verschleppt und misshandelt werden, verliert jedes demokratische system seine legitimation.

bärbel schönafinger


http://kanalB.de
http://kanalB.de/spezial-genua2001 (videos)